Eine Woche Rundreise. Drei Wochen Ayurveda, Wärme und tiefe Ruhe in Sandaru Lanka. Christine Pehl, Berührungstherapeutin, erzählt im Interview, wie sie in Sri Lanka körperlich und seelisch weicher wurde. Und warum Berührung für sie ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben und menschlichen Miteinander ist.
Was hat dich motiviert, eine Ayurvedakur in Sandaru Lanka zu machen?
Ayurveda ist mir seit meiner Jugend vertraut. Freunde von mir haben schon vor vielen Jahren in Deutschland eine Ayurvedakur gemacht. Und ich lebe zeitweise nach einem ayurvedischen Ernährungsplan. Dabei habe ich festgestellt, wie gut mir Ayurveda tut. Die Entscheidung, im Winter nach Sri Lanka zu reisen, war schnell getroffen: Ich liebe die Wärme. Mein Wunsch war es, das Land kennenzulernen und danach für eine intensive Zeit in Behandlungen einzutauchen. Statt einmal im Monat eine Massage zu buchen, wollte ich mich drei Wochen lang täglich von Kopf bis Fuß massieren lassen. Mir ging es darum, mich tiefer zu entspannen. Das ist sehr gut gelungen, auch weil ich in Sandaru Lanka frei war von den strengen Abläufen und dem Dresscode eines klassischen Hotels.

Wie hast du vor Ort die Behandlungen erlebt?
Jeden Tag Massage: Das war wunderschön. Vor allem die Fußmassagen verbinde ich mit tiefer Regeneration. Wie sich über die Berührung der Füße auch Kopf und Geist entspannen, bleibt unvergesslich. Die Hingabe der Therapeuten hat mich sehr beeindruckt. Sie haben mich beschenkt und mir einen Raum gegeben, tief zu entspannen. Diese intensive Körperarbeit mit Kräuterölen hat in mir Blockaden gelöst und Feststeckendes aufgeweicht. Dazu haben auch die erleichternden Reinigungsmethoden der Panchakarmakur beigetragen. Mir kommt gerade der Begriff Körperpanzer in den Sinn.
Unser Körper speichert alles, was wir erlebt haben.
Deshalb war diese Zeit so wärmend und die Behandlungen so wohltuend und beruhigend für mich. Ich durfte loslassen. Von Tag zu Tag bin ich tiefer in diese Ruhe eingesunken.

Was hat diese tiefe Regeneration in dir bewirkt?
Ich bin nicht nur körperlich weicher geworden, sondern habe auch festsitzende Gedankenmuster aufgebrochen und Ängste überwunden. Meine Mutter war in dieser Zeit im Pflegeheim. Ich habe am Ende der Kur sehr friedlich gespürt, dass sie sich langsam auf ihren letzten Weg machen wird.
Die Behandlungen haben mich beruhigt. Ich fühlte mich gehalten.
Innerlich gewärmt bin ich schließlich am Münchner Flughafen angekommen, wo mich die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings begrüßt haben. Ich trug die Ruhe und Tiefe aus Sandaru Lanka mit nach Hause und zu meiner Mutter ins Pflegeheim. Nach der Ayurvedakur fühlte ich mich so satt und gab diese innere Wärme dankbar an sie weiter. Nach ihrem Tod war sie in der Kapelle aufgebahrt. Unsere Familie und das Pflegepersonal haben ihr die Hand aufgelegt, um Abschied zu nehmen. Auch dabei begleitete mich diese wohltuende innere Wärme und Ruhe.
Du bist eine Botschafterin für Berührung. Was motiviert dich?
Ich höre den inneren Ruf, Berührung in die Welt zu bringen. Säuglinge und Kinder brauchen Berührung, um zu überleben. Es ist selbstverständlich, dass wir ein Baby halten, es wärmen, ihm nahe sind. Auch Menschen in der Demenz tasten sich wieder mehr an ihre Körperlichkeit heran, wenn die Hirnschranke fällt. Doch in der Lebensspanne dazwischen verlieren Menschen den Kontakt zur lebensnahen Berührung im Alltag. Ich bin davon überzeugt, dass jede und jeder in jedem Alter Berührung braucht, um zu überleben und kraftvoll durchs Leben zu gehen. Achtsame und heilsame Körpernähe vermittelt Liebe, schenkt Halt und beruhigt.
Berührung spricht die Sinne an und schaltet den Kopf ab. Gehen Begegnungen unter die Haut, sind wir wortwörtlich bei Sinnen. Berührung bewahrt uns davor, außer uns zu sein.
Ich sehe in der mangelnden körperlichen Nähe sogar eine Ursache vieler Krisen unserer Zeit.

Wie gelingt es im Alltag, mehr Berührung zu schenken und zu empfangen?
Berührung ist für mich gleichbedeutend mit einer bewussten Begegnung. „Ich berühre dich“ heißt auch „Ich sehe dich.“ Für mich ist Körperhaltung unmittelbar eine Geisteshaltung.
Ich bedaure, dass uns in der Coronazeit der klassische Handschlag abhandengekommen ist. Ich ermutige Menschen, wieder bewusst auf ihr Gegenüber zuzugehen, die Hand langsamer zu reichen und sie länger zu halten. So wird Verbundenheit spürbar.
Manchmal entsteht daraus eine Umarmung. Auch unsere Mitmenschen fühlen sich sicher, wenn sie eine Hand auf ihrem Unterarm spüren. Oder wir stärken anderen den Rücken, indem wir unsere Hand dort eine Weile ruhen lassen. Auch Nestwärme ist sehr gesund. Warum nicht öfter gemeinsam im Bett oder auf der Couch miteinander kuscheln und sich halten und Wärme spüren? Machen wir es wie der Graureiher. Er kehrt immer wieder in sein Nest hoch in den Bäumen zurück.

Nicht jeder Mensch mag es, andere zu berühren. Oft gibt es innere Barrieren. Wie gelingt Berührung dann?
Wer Berührungsängste hat, tut sich leichter, eine Katze oder einen Hund zu streicheln. Als sanfter Einstieg eignet sich auch ein langsamer Spaziergang.
Im Wald und auf den Wiesen sind die Schätze der Natur zum Greifen nah. Tasten wir uns heran: Wie fühlt sich Moos an? Wie gleiten Gräser durch unsere Finger? Wie ist die Oberfläche eines Blütenblattes bestellt?
Wer mag, umarmt einen Baum und spürt seine Rinde. In der Natur kommen wir in Berührung mit der Welt und mit uns selbst. Oder wir nehmen uns Zeit dafür, uns selbst einzucremen, hören dabei vielleicht auch entspannende Musik. In Sandaru Lanka bin ich liebend gerne barfuß gelaufen und habe dem Meer gelauscht. Ich habe also die Erde berührt und mich dadurch geerdet. Übrigens: Tasten gehört wie Riechen und Schmecken zu den sogenannten nahen Sinnen. Sehen und Hören sind hingegen distanzierte Sinne. Das Tasten, Begreifen oder Berühren ist also urmenschlich und tief in uns verankert.
Wie sieht dein berufliches Wirken konkret aus, liebe Christine?
Ich bin Berührungstherapeutin und bilde Fachkräfte in Gesundheitsberufen und sozialen Einrichtungen wie Hospizen aus. Pflegerinnen und Pfleger lernen bei mir, wie sie die sanfte Berührung in ihre Arbeit einfließen lassen. Denn:
High Tech braucht High Touch.
Warum nicht liebevoll die Schulter der Patientin berühren, wenn ein Krankenpfleger das Mittagessen bringt? Warum nicht einfühlsam Salbe auftragen, anstatt mechanisch einen Job zu tun? Besonders schön war für mich als Ausbilderin zu erleben, dass das Caritas-Pflegezentrum St. Hildegard in Pöttmes 2024 den Bayerischen Demenzpreis erhalten hat. Die Einrichtung reduzierte nachweislich Psychopharmaka dank heilsamer Berührung. Von meinen Kursen profitieren auch die Pflegekräfte persönlich, wie mir Teilnehmende immer wieder bestätigen. Auch als Coach behandle ich meine Klienten, um innere Prozesse zu vertiefen. Und ich begleite Menschen in Phasen schwerer Krankheit oder in Sterbeprozessen.

Was tust du, um Berührung außerhalb sozialer Einrichtungen in die Welt zu bringen?
Ich biete offene Kurse in heilsamer Berührung an. In meine Kurse kommen immer mehr Menschen, die einfach ihre Kinder, den Partner oder Freunde behandeln wollen. Rund einmal im Monat kommen Interessierte bei mir zusammen, die dazulernen und sich achtsam berühren wollen. Therapeuten besuchen meine Kurse, um noch bewusster mit ihren Klienten umzugehen. Auch waren schon Frisöre bei mir, die seitdem mit heilsamer Berührung ihr Handwerk veredeln. Die Menschen erleben gemeinsam, wie wohltuend es ist, andere zu beschenken und beschenkt zu werden. Viele kommen immer wieder.

Welche Botschaft gibst du unseren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg?
Es ist urmenschlich, sich zu berühren.
Berührung tut gut. Berührung bringt uns in die Präsenz. Wer Berührung empfängt, beruhigt sich. Wer Berührung schenkt, beschenkt sich selbst.
Bemerkenswert ist: Jeder Mensch berührt sich selbst unbewusst mehrere hundert Mal am Tag. Wir streifen uns die Haare hinter die Ohren, legen die Hand aufs Herz, stützen das Kinn auf oder greifen uns an die Stirn. Wichtig ist, dass wir uns trauen, intuitiv zu berühren und uns dem Geschenk der Berührung zu öffnen. Wenn wir berühren, geht es auch darum, Grenzen zu erspüren und zu erkunden, wo es die Hand hinzieht. Hände halten, den Kopf halten, auch Füße halten stabilisiert die Psyche. Berührung ist ein Zeugnis tiefer Fürsorge, ehrlichen Wohlwollens und wärmender Verbundenheit; auch in Partnerschaften, deren körperliche Nähe nach vielen Jahren zur Gewohnheit geworden ist. Achtsame Berührung ist ein Geschenk.
Liebe Christine, herzlichen Dank für dieses berührende Gespräch und die Fotos deiner Sri Lanka-Reise aus deiner privaten Sammlung.
Das Gespräch führte Susanne Kleiner, Sandaru Lanka.
Christine Pehl ist systemischer Coach, Beraterin und Dozentin. Die Berührungstherapeutin bietet Kurse zur heilsamen Berührung an und bildet Mitarbeitende in Pflegeheimen, Hospizen, Bildungs- und Krankenhäusern aus. Christine lebt in Augsburg und der Südsteiermark, wo sie regelmäßig offene Kurse anbietet.
Apropos Berührung und Sri Lanka
In Sri Lanka sieht man nicht, dass sich Paare öffentlich küssen oder berühren. Gleichzeitig schlafen Eltern mit ihren Kindern in einem Bett, auch wenn die Söhne oder Töchter schon zur Schule gehen. Sie sind sich körperlich nah. Dafür haben sie keine Haustiere wie wir das in Deutschland, Österreich oder der Schweiz kennen. Auffallend ist: Die Einheimischen essen traditionell mit den Fingern, ertasten ihre Mahlzeiten. Und sie sind sehr geschickt darin, Bäume hochzuklettern oder barfuß durchs Leben zu gehen. Für alle, die eine Rundreise plane: Im Royal Botanic Garden in Kandy sitzen viele Teenager-Paare händchenhaltend auf den Parkbänken. Und manchmal sitzen sie Hand in Hand bei uns in Sandaru Lanka unten am Strand, eng beieinander auf dem zugewachsenen Felsen und lächeln.

