“Before I treat you I want to read you”

Unser Ayurvedaarzt Dr. Nalaka

13.05.2024

Ayurveda liegt im Trend. Was hat es mit Ayurveda auf sich? Welche Chancen gibt es und welche Grenzen? Was erwartet Sri Lanka-Urlauber in einer Ayurvedakur? Auf diese und andere Fragen geht unser Ayurvedaarzt Dr. Nalaka Samadhi im Interview ein.

Was ist Ayurveda im Kern?

Im Ayurveda gehen wir davon aus, dass der Mensch ein Teil der Natur ist. So wie unsere Schöpfung auf den Elementen Luft, Äther, Feuer, Wasser und Erde basiert, beeinflussen diese Naturkräfte auch uns Menschen. Die Konstitution jedes Menschen ist individuell und steht von bei der Geburt fest. Sie basiert körperlich und seelisch auf der Qualität der sogenannten drei Doshas, die bei jeder Persönlichkeit unterschiedlich stark ausgeprägt sind:

  • Vata, das Luft und Äther umfasst,
  • Pitta, das für Feuer und wenig Wasser steht, und
  • Kapha, das Wasser und Erde vereint.

Jeder Mensch hat Anteile von allen Elementen. Meine Aufgabe als Ayurvedaarzt ist es, Menschen darin zu unterstützen, die Doshas ins Gleichgewicht zu bringen.

Es ist diese Balance, Balance und noch einmal die Balance, an der wir arbeiten. Denn wenn die biologischen Kräfte im Körper ausgewogen sind, dann ist der Mensch gesund.

Was heißt Ayurveda übersetzt und woher kommt diese Naturheilkunde?

Der Begriff Ayurveda kommt aus dem Sanskrit und setzt sich aus ‚Ayus‘, Leben, und ‚Veda‘, Wissen, zusammen. Ayurveda bedeutet also die Wissenschaft vom Leben. Ayurveda ist eine jahrtausendealte Erfahrungsmedizin aus Indien.

Welche Beschwerden behandeln Sie häufig?

Viele Gäste kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und bringen klassische Zivilisationskrankheiten mit. Sie arbeiten am Computer und klagen über Schmerzen im unteren Rücken oder im Schulter- und Nackenbereich. Andere entscheiden sich für eine Ayurvedakur, weil sie ihr Leben mental aus der Bahn geworfen hat oder weil sie schlecht schlafen. In den letzten Jahren häufen sich Burnout-Fälle. Oder gestresste Menschen wollen mit Ayurveda dieser tiefen Erschöpfung vorbeugen. Seit der Corona-Pandemie behandle ich mehr und mehr Gäste mit Long-Covid, damit sie zum Beispiel besser atmen oder wieder richtig riechen und schmecken.

Was motiviert Menschen ohne akute oder chronische Beschwerden, nach Sri Lanka zu fliegen, um eine Ayurvedakur zu machen? 



Es gibt viele treue Ayurveda-Praktizierende, die immer wieder nach Sri Lanka kommen. Darunter sind viele Alleinreisende, Paare oder Freundinnen. Sie genießen dieses schöne Land, den Strand und die Freundlichkeit der Einheimischen. In der Ayurvedakur entspannen sie tief und stärken ihr Immunsystem. Dabei ist auch Detox ein immer wichtigerer Grund, der Ayurveda so attraktiv macht. Männer und Frauen sind seit Corona noch mehr dafür sensibilisiert, Krankheiten vorzubeugen. Sie kommen zu mir, um ihre Verdauungsorgane und die Leber wirksam zu entgiften. Eine traditionelle Panchakarmakur ist das Mittel der ersten Wahl, um den Körper umfassend zu reinigen. Wer diese Kur macht, reinigt Darm und Nase, macht Öleinläufe oder Dampfbäder. Akupunktur unterstützt die Prozesse im Körper. Und natürlich genießen unsere Gäste beruhigende Massagen mit warmen Kräuterölen. Besonders beliebt ist der Stirnölguss Shirodhara, der das Nervensystem beruhigt. Mir ist es sehr wichtig, mit diesen traditionellen Methoden medizinisch zu arbeiten.

Ich beobachte, dass Ayurveda mehr und mehr als Wellness-Programm verkauft wird. Natürlich tun die Massagen gut und unsere Gäste sollen sich rundum wohlfühlen. Das ist wichtig und natürlich so gewollt. Doch Ayurveda ist eben auch Reinigung und eine traditionelle Panchakarmakur dauert im Idealfall drei bis vier Wochen.

Nicht alle Menschen haben Zeit, um drei oder vier Wochen eine Ayurvedakur in Sri Lanka zu machen. Was erwartet Reisende, die zehn oder vierzehn Tage bleiben?

Wer zu uns kommt, entspannt und verbessert sein Immunsystem. Jede Behandlung zählt. Und jede Ayurvedaerfahrung ist prägend. Ayurveda schärft das Bewusstsein für den eigenen Körper und lenkt die eigene Achtsamkeit auf das, was dem Organismus guttut. Die Pulsdiagnose deckt auf, in welcher Verfassung der Körper ist. Sie offenbart, wie sich Vata, Pitta und Kapha akut verhalten und verrät zum Beispiel, welches Dosha dominant ist. Ich spreche intensiv mit jeder und jedem Einzelnen, den ich behandle. Wer Zusammenhänge versteht, tut sich im Alltag leichter, achtsam in Balance zu bleiben.

Ich erkläre unseren Gästen, was sie zuhause tun können, um im ayurvedischen Sinne weiterzuleben. Das betrifft bestimmte Lebensmittel und Gewürze, die sie zu sich nehmen oder eben vermeiden sollen. Genauso ist es mit Gewohnheiten und Sport. Denn alles, was sie essen, trinken oder tun, wirkt sich auf die Doshas aus. Und darauf gehe ich ein.

Dieses wertvolle Wissen nehmen unsere Gäste mit nach Hause. Wenn es angezeigt ist, gebe ich auch Kräutermedizin mit. Zurück in der Heimat hat jeder die Chance, weiterhin warmes Wasser zu trinken und auf Kaffee, Alkohol oder Industriezucker zu verzichten und so die Kurdauer zu verlängern. Es passiert immer wieder, dass Gäste nach ein oder zwei Wochen Kur so begeistert sind, dass sie direkt einen längeren Aufenthalt im Folgejahr planen.

Auch in Europa bieten Kliniken, Kurhäuser oder freiberufliche Ayurvedaberater und Therapeuten Ayurvedakuren an. Was spricht dafür, dafür den Flug auf sich zu nehmen und nach Sri Lanka zu reisen?

Die Kräuter, die wir für unsere traditionellen Behandlungen und Ayurveda-Medizin verwenden, wachsen in Sri Lanka. Außerdem tausche ich, der Arzt, mich mit der jeweiligen Therapeutin oder dem Therapeuten aus. Übrigens hat jeder Patient seinen festen Therapeuten. Ich bespreche den Behandlungsplan und leite an, welche Körperpartien in welcher Weise zu massieren sind. Kurzum: Wir sind ein Team und beziehen unsere Gäste selbstverständlich mit ein. Das empfinde ich in der Intensität wie wir das hier pflegen als besonders. Natürlich schalten Menschen, die nach Sri Lanka kommen, in dieser tropischen Umgebung schnell ab.

Sie haben beschrieben, was Ayurveda bewirkt. Doch was kann Ayurveda nicht leisten? Mit welchen Grenzen sind Sie als Ayurvedaarzt konfrontiert?

Herzerkrankungen, Krebserkrankungen oder deformierte Gelenke von Rheumapatienten zum Beispiel vermag der Ayurveda nicht rückgängig zu machen. Was Kranke mir jedoch immer wieder bestätigen: Sie entspannen tief und treten gestärkt die Rückreise an, weil sie die Ayurvedakur als einen Booster für ihr Immunsystem erleben. Hinzu kommt: Freundlich behandelt und liebevoll umsorgt zu werden, tut gut. Ayurveda in Sri Lanka hilft vielen Erkrankten, ihren Körper bewusster wahrzunehmen und leichter durchs Leben zu gehen. Oft verändert diese intensive Zeit die innere Haltung. Wer sich auf eine Ayurvedakur einlässt, sammelt Erfahrungen, die innerlich und äußerlich nachwirken.

Was ist Ihnen als Ayurvedaarzt im Umgang mit Ihren Patientinnen und Patienten besonders wichtig?

Für mich gilt ‘Before I treat you I want to read you’. Also: bevor ich jemanden behandle, lese ich diesen Menschen. Das heißt: Als Ayurvedaarzt sehe ich das Individuum. Ich lasse mich auf jede Persönlichkeit ein, will verstehen, was diese Menschen bewegt. Anders gesagt: Ich behandle ganzheitlich.

Auch wenn wir in der Ayurvedakur in erster Linie den Körper behandeln, sind Körper, Geist und Seele als untrennbare Einheit zu begreifen. Ich bin auch Yogalehrer. Wenn es die Zeit erlaubt, unterrichte ich persönlich. Im Yoga üben wir auch achtsame Atemtechniken, das sogenannte Pranayama. Oder ich spreche über Meditation und leite an. So trägt ein Aufenthalt hier in Sandaru Lanka dazu bei, körperliche Balance wiederherzustellen, einen klaren Geist zu erlangen und sich mental zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Dr. Nalaka.

Das Gespräch hat Susanne Kleiner im 23. Juli 2023 in Englisch geführt und für den Blog übersetzt.